Der Kutschstall
 
Der Neue Markt ist der einzige Platz in der historischen Stadtmitte Potsdams, der die Zerstörungen in Kriegs- und Nachkriegszeit fast unbeschadet überstanden hat. Die Westseite der annähernd quadratischen Anlage nimmt die prächtige frühklassizistische Fassade des königlichen Kutsch(pferde)stalls ein; die übrigen drei Seiten werden von Bürgerhäusern gesäumt.

Schon unter dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm (1640-1688) hatte der Architekt Johann Gregor Memhardt 1671 an der Stelle des heutigen Kutschstalls einen Pferdestall errichtet. Dieser genügte am Ende des 18. Jahrhunderts nicht mehr den Anforderungen, weshalb in den Jahren von 1787 bis 1790 nach Plänen des Hofbaumeisters Andreas Ludwig Krüger der bis heute erhaltene Kutschstall entstand. Seine Formen folgen dem Stil des Frühklassizismus, der mit dem Regierungsantritt von König Friedrich Wilhelm II. (1786-1797) in Preußen eingeführt wurde. Seine ausgewogene, durch Pilaster toskanischer Ordnung gegliederte Fassade mit leicht betonten Eckrisaliten beherrscht die Westseite des Neuen Marktes. Höhepunkt der Schauseite ist das von Doppelsäulen aus rotem Sandstein flankierte Portal. Es wird von einer Quadriga gekrönt, die von Figurengruppen arbeitender Stallburschen begleitet wird. Auch die Gehänge aus Sattel- und Zaumzeug zwischen den Säulen am Eingang und der übrige Figurenschmuck verweisen auf die ursprüngliche Funktion des Gebäudes. Vorbild für den Kutscher, der sein Viergespann vor leerer Kutsche heftig antreibt, soll Johann Georg Pfund gewesen sein, der Leibkutscher Friedrichs II.

In den Ställen standen ca. 100 Pferde längs eines Mittelgangs in abgetrennten Boxen. In dem niedrigen Geschoss darüber wohnten Stallburschen und Vorreiter. Unter dem Satteldach befanden sich Lagerflächen, die durch Schüttrutschen direkt mit den Stallungen verbunden waren.
Die Remisen auf dem Hof wurden im 19. Jahrhundert teilweise durch neue Gebäude ersetzt bzw. erweitert. So entstanden u. a. ein Verwalterhaus, eine Manege (kleine Reitbahn) und eine Reithalle mit angeschlossenem Pferdelazarett.
Bis 1918 war der Kutschstallkomplex Teil der Hofhaltung des Potsdamer Stadtschlosses. Danach wurden die Stallungen zunächst von den Pferden der Polizei belegt. Als sich die Motorisierung durchsetzte, fanden die Remisen und Reithallen als Tennishalle und Möbellager, Garagen und Werkstätten Verwendung und wurden dafür teilweise erheblich umgebaut. Im Kutschstall selbst veranlasste der Potsdamer Oberbürgermeister Hans Friedrichs 1940 die Einrichtung eines Obst- und Gemüsemarkts.
Der Dachstuhl und das Obergeschoss im südlichen Teil des Kutschstalls brannten 1945 aus, wurden jedoch in den Nachkriegsjahren wiederhergestellt. In der DDR nutzten eine Autoreparaturwerkstatt und dann der Großhandelsbetrieb für "Obst, Gemüse, Speisekartoffeln" das Areal bis in die 90er Jahre.
1997 übernahm das Land Brandenburg die Liegenschaft vom Bund mit der Bestimmung, dort ein Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte einzurichten. Vom Land Brandenburg wurden für das Vorhaben erhebliche Fördermittel des Bundes und der EU zur Verfügung gestellt. Das gemeinsam mit den zuständigen Stellen der Stadtverwaltung vor allem der Unteren Denkmalschutzbehörde und dem Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum entwickelte Sanierungskonzept orientierte primär darauf, die für die neue Nutzung erforderlichen Funktionsbereiche in den Nebengebäuden zu realisieren und neben dem äußeren Erscheinungsbild auch die historische Raumsituation in den Stallungen im Erdgeschoss beizubehalten. Dort verweisen die teilweise wieder geöffneten Nischen an den Außenwänden auf die ursprüngliche Lage der Boxen für die Pferde mit hölzernen Trennwänden zwischen eisernen Pfeilern, von denen nur noch vier erhalten sind.
Das Ober- und Dachgeschoss im nördlichen Teil wurde im Bestand saniert, wobei man im Obergeschoss einige spätere Einbauten entfernte. Die größten Veränderungen gab es im südlichen Teil des Obergeschosses. Hier wurden die nach 1945 mit sparsamen Mitteln reparierten Bauteile einschließlich des Daches durch eine neue stützenfreie Konstruktion ersetzt, die einen großen Ausstellungsraum ermöglicht. Die für die neue Nutzung erforderliche umfangreiche haustechnische Ausrüstung, vor allem Klimatechnik und Heizung, wurde im Erdgeschoss unter Erhaltung der noch vorhandenen Fundamente im Fußbodenbereich installiert. Im Obergeschoss ist sie teilweise als zusätzliches funktionales Element sichtbar in die Architektur integriert. Für die neue Funktion waren auch umfangreiche statische und brandschutztechnische Auflagen zu erfüllen.

Am 17. Dezember 2003 konnte das Haus, nach Fertigstellung eines Neubaus auf dem Hof als Foyer, mit der ständigen Ausstellung "Land und Leute. Geschichten aus Brandenburg-Preußen" eröffnet werden. Im Ober- und Dachgeschoss des eigentlichen Kutschpferdestalls befinden sich insgesamt ca. 635 qm Sonderausstellungsflächen, ein Konferenzraum von ca. 150 qm, das Studio für museumspädagogische Arbeit sowie Nebenräume. Die 255 qm große Gewölbehalle wird für Veranstaltungen und Vermietungen unterschiedlichster Art genutzt. Dieser Teil wurde baulich mit dem Magazinverwalterhaus verbunden und bietet dort im Erdgeschoss Küchenräume sowie Sanitäranlagen.
Der gesamte Komplex befindet sich im Geltungsbereich der Erhaltungssatzung "Neuer Markt/Plantage" vom 30.9.1997 und gehört zum Sanierungsgebiet "Potsdamer Mitte".


Das Kutschstallhof-Ensemble


Der Zugang zum Kutschstallhof erfolgt über den Neuen Markt. Durch den repräsentativen Torbogen betritt man den Hof, dessen Gestaltung nun abgeschlossen ist. Im historischen Fachwerkhaus der Schmiede befindet sich das Restaurant "Hammer". Von dessen Terrasse aus hat man einen Blick auf die Installation von Originalfragmenten des Stadtschlosses. Die Manege nebenan bietet ein ansprechendes Ambiente für kulturelle und festliche Gala-Veranstaltungen. Im rechten Teil der neu errichteten Remisen und im daneben liegenden ehemaligen Pferdelazarett befinden sich Arbeitsräume und die Bibliothek des ZZF. Auch die Preußen-Stiftung TOLKEMITA betreibt dort einen kleinen Schauraum "Die Ersten Preußen" zur frühen preußischen Geschichte. In der linken Hälfte des Remisen-Neubaus haben sich einige kleine IT-Betriebe angesiedelt. Der hintere Durchgang wird in einigen Jahren zur Plantage führen.

Der Kutschstallhof ist in seiner Geschlossenheit ideal geeignet für marktähnliche Veranstaltungen wie z. B. den polnischen "Sternenmarkt", der mittlerweile fester Bestandteil des städtischen Weihnachtsmarkt-Angebotes Potsdams ist.

Friedrichs II. Kutscher


Des alten Fritz Leibkutscher soll aus Stein
zu Potsdam auf dem Stall zu sehen sein -
Da fährt er so einher,
als ob er lebend wär′:
aller Kutscher Muster, treu und fest und grob,
Pfund genannt, umschmeißen kannt′ er nicht: das war sein Lob!

Mordwege fuhr er ohne Furcht; sein Mut
hielt aus in Schnee, Nacht, Sturm und Wasserflut.
Ihm war das einerlei,
er fand gar nichts dabei.
In dem Schnurrbart fest und steif blieb sein Gesicht,
und man sah darauf kein schlimmes Wetter niemals nicht.

Doch rührte man an seinen Kutscherstolz,
war jedes Wort von ihm ein Kloben Holz;
woher es auch geschah,
daß er es einst versah
und dem alten Fritz etwas zu gröblich kam,
wessenhalb derselbe eine starke Prise nahm

und sprach: "Ein grober Knüppel, wie Er ist,
der fährt fortan mit Eseln, Knüppel oder Mist!"
Und so geschah′s. Ein Jahr
bereits verflossen war,
als der Pfund einst Knüppel fuhr und guten Muts
ihm begegnete der alte Fritz; der frug:"Wie tut′s?"

"I nun, wenn ich nur fahre", sagte Pfund,
indem er fest auf seinem Fahrzeug stund,
"so ist mir′s einerlei
und weiter nichts dabei,
ob′s mit Pferden oder ob′s mit Eseln geht,
fahr′ ich Knüppel oder fahr′ ich Euer Majestät."

Da nahm der alte Fritz Tabak gemach
und sah den groben Pfund sich an und sprach:
"Hüm, find′t Er nichts dabei
und ist ihm einerlei,
ob es Pferd, ob Esel, Knüppel oder ich,
lad Er ab und spann Er um, und fahr′ Er wieder mich."

August Kopisch (1799-1853), Gesammelte Werke 1, Berlin 1856, S. 340

* Der Name des Kutschers - Johann Georg Pfund - findet sich auch in der Schreibweise mit dt, also Pfundt. Dem Gedicht von August Kopisch folgend wurde hier die Schreibweise lediglich mit d gewählt.
 
 
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